Cowspiracy von Kip Anderssen ist die Filmseite bei uns, welche am meisten angeschaut wird. In der Themenkategorie Essen Global, die ebenfalls am stärksten besucht wird.

Obwohl wir die Grundaussage von Cowspiracy – “Wir essen unseren Planeten kaputt” – gar nicht so übel fanden und der Film viel Kraft hat, auf den schädlichen Einfluss von Fleischkonsum auf die Erde hinzuweisen, fanden wir ihn immer etwas zu tendenziös. Und wir haben ihn darum auch nicht als Festivalfilm ausgewählt. Trotzdem stiess er in unserem Shop lange Zeit auf enormes Interesse.

cover_cowspiracyUnseren Filmjuries fiel dabei schnell auf, dass die Zahlen und Schilderungen rund um Wasser, dem Konzept des virtuellen Wassers bzw. des Wasser-Fussabdrucks nicht korrekt sein können. Ohne Differenzierung rechnet der Filmemacher allen Wasserverbrauch gleich. Der Gesamt-Wasserverbrauch ist aber keine Messgrösse, welche korrekt Umweltschäden abbildet und kann darum nicht in einer Argumentation diesbezüglich benutzt werden. Es kommt darauf an, woher das Wasser kommt und wohin es geht. Trinkt eine Kuh Regenwasser und lässt dieses auf der Wiese wieder raus und hat die Wiese genügend Fläche, die Fäkalien der Kuh wieder zu absorbieren, wurde das Wasser nicht “verbraucht”. Das Gras wird das Wasser zum Teil wieder als Wasserdampf entlassen, es bilden sich Wolken – etc. -, der Kreislauf ist geschlossen. Werden Kühe hingegen in Steppengebieten der USA gehalten und mit heraufgepumpten fossilem Wasser getränkt und das Urin und die Fäkalien der Kühe fliessen in den nächsten Fluss ab, hat das Umweltimpact. Langfristig wird die Natur aber auch diese Last ertragen und das verschmutze Wasser umwandeln können. Und es braucht 10’000 Jahre bis das fossile Wasser-Reservoir wieder aufgefüllt ist. Aus der zeitlich kurzen menschlichen Sicht kann man von einem Umweltschaden ausgehen. Benutzt eine Fabrik für einen Prozess Grundwasser, Regenwasser oder fossiles Wasser und verschmutzt dieses mit einer Chemikalie, die wiederum hunderttausende von Jahren bracht, bis sie zerfällt, kann man sicher von einem Umweltschaden sprechen. Cowspiracy behandelt diese drei Kategorien gleichwertig und addiert diese einfach um die Schädlichkeit des Fleischkonsums zu untermauern.

Nun entdeckten wir auch endlich mal eine differenzierte Stellungnahme eines Wissenschaftlers zu der Cowspiracys Behauptung, die Massentierhaltung sei für 51% der Klimagase verantwortlich und nicht nur für 15% wie von IPCC angegeben und deswegen seien Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace, WWF, Friends of the Earth oder Sierra Club mit der Fleischwirtschaft unter einer Decke.

Zum einen entspricht dies nicht unserer Erfahrung: die Schweizer online Klimarechner von WWF oder zum Beispiel myclimate rechnen seit über 10 Jahren schon Fleischkonsum als wichtigen Klimafaktor mit ein. Zum anderen riecht eine solche pauschale Aussage schnell mal nach Verschwörungstheorie: alle diese sich nur scheinbar einsetzenden Organisationen unter einer Decke mit der Fleischindustrie gegen uns! –  Naja, jeder weiss, dass die Welt leider oft etwas komplizierter ist.

Doug Boucher, Verfasser des Artikels “Movie Review: there’s a Vast Cowspiracy about Climate Change” rechnet zum anderen vor, wo Kip Andersen und Keegan Kuhn in ihrem aktivistischen Bestreben nicht genau genug hingeschaut haben und hätten verantwortlicher recherchieren müssen.

Kurz gesagt und nach meinem Laien-Verständnis haben die beiden sich auf eine Studie von Robert Goodland und Jeff Anhang mit inkorrekten Berechnungen verlassen, welche in einer von Lester Brown gegründeten NGO namens WorldWatch Institute veröffentlich wurde und dazu die peer review der wissenschaftlichen Community ignoriert, welche diese Studie deutlich als falsch berechnet ablehnten.

Doug Boucher rechnet vor, wie Goodland und Anhang auf die 51% kamen. Sie haben zum einen das ausgeatmete CO2 der Kühe einberechnet (macht so keinen Sinn, da dieser Kohlenstoff bereits aus der Atmosphäre stammt bzw. aus dem Gras und auch ohne die Kuh teilweise wieder dahin zurückgekehrt wäre). Zum anderen haben sie das dem von den wiederkäuenden Kühen neu erzeugte Methan die 72-fache statt wie üblich 25-fache Klimawirkung von CO2 angerechnet, weil sie die Umweltwirkung auf 20 Jahre hin angeschaut haben und nicht auf ein Jahrhundert. Diese beiden Berechnungsweisen entsprechen nicht den wissenschaftlichen Standards.

Wissenschaftlicher Konsensus ist auch dass das Verbrennen fossiler Energieträger der Hauptfaktor der Klimaerwärmung ist, also nicht der Fleischkonsum. Und der Umstieg auf Erneuerbare ist dringend und wichtig und NICHT nutzlos in Anbetracht des Fleischkonsums. Andererseits muss man auch sehen, dass wenn der Konsum tierischer Erzeugnisse weiterhin steigt, dieser tatsächlich ein gleich starker Faktor werden könnte.

Den beiden Filmemachern Andersen und Kuhn kann wohl angelastet werden, dass sie nicht genügend recherchiert haben (obwohl sie dies behaupten) und vorschnell eine Verschwörung von NGOs gewittert haben, die sich seit Jahrzehnten für die Erde einsetzenden NGOs in ihrem Ansehen sehr schadet. (Link: Greenpeace s Statement dazu.)

Richard Oppenlander, der Autor des Buches, auf welchem Cowspiracy aufbaut, ist übrigens als Zahnarzt ausgebildet und Besitzer einer Firma, die vegane Lebensmittel produziert. Die Schlussfolgerungen seines Buches werden in diesem Artikel hier auf den Prüfstand genommen und als einseitig kritisiert, da er die Förderung der Bodenfruchtbarkeit und Biodiversität durch Tierhaltung nicht auch beleuchtet (Beispiel Schweizer Alpen mit ihren vom Menschen erschaffenen Magerwiesen).

Zudem hat ihr sehr erfolgreicher Film einen Einfluss auf Entscheidungsträger, wird vielleicht in Schulen gezeigt und von sehr vielen umweltbewussten Menschen als Referenz benutzt.

Nicht gut, das gibt ein ungenügend und wir werden Cowspiracy als tendenziös bewerten müssen. Kip Anderssens Cowspiracy hat sehr starke Seiten, die treffsicher zu Reflektion und Verhaltensänderung anregen aber eben auch irreführende und sollte auf jeden Fall nur mit korrigierenden Hinweisen zu den falschen Zahlen zu Wasser und Klimawirkung gezeigt werden. Natürlich ist der Fleischkonsum ein äusserst wichtiger Faktor bezüglich Klimaerwärmung und Urwaldabholzung, aber nicht der einzige und natürlich “braucht” Massentierhaltung viel Wasser, aber es kommt eben sehr drauf an, wie es wo gebraucht wird und kann nicht so leicht generalisiert werden.

Kommentare mit weiteren Differenzierungen sind sehr willkommen.

Hier noch ein Artikel, der etwas grosszügiger mit Kip Anderssens Interpretation umgeht.

 

8 Responses

  1. Michael K

    Ich würde gern hinzufügen, dass bei der Tierhaltung auch nach der Herkunft des Futtermittels differenziert werden muss. Importierte (weit transportierte) Futtermittel haben einen enormen ökologischen Impact auf das “Endprodukt”. Auch wissen wir, dass konventionell hergestellte Lebens- und Futtermittel einen erheblich höheren Impact haben als Biologisch angebautes. Am geringsten ist der Impact der Futtermittelproduktion vermutlich, wenn die Kuh auf einer natürlichen Wiese steht, dann entfallen Transporte, Energieaufwendung bei der Herstellung von Düngemitteln und im konventionellen Fall Herstellung und Transport von Pestiziden & co. Zunehmender Fleischkonsum wird diesbezüglich zu einem Flächenproblem und damit indirekt zu einem Umweltproblem, weil die komplett CO2-neutrale Herstellung in diesen (ernährungsphysiologisch unnötig) grossen Mengen schwer möglich wird. Deshalb und im Interesse einer artgerechteren Tierhaltung sollte der erdfreundliche Konsument seinen Fleischbedarf einschränken und aus regionalen und nach Bio-Standards arbeitenden Quellen beziehen.
    Hinweis: dieser Kommentar spiegelt ganz oder teilweise die subjektive Meinung des Autors wieder.

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  2. Michelle Siemoneit

    Danke für deine Stellungnahme und Aufklärung zu den ‘Fakten’im Film.
    Es ist gut und wichtig, dass du den Film genauer unter die Lupe genommen hast und deine Ergebnisse hier teilst!
    Ich würde eine Stelle in deinem Text kritisieren, undzwar dass die Filmemacher eine Verschwörungstheorie entwickeln würden, indem sie behaupteten, Umweltschutzorganisationen steckten mit der Fleischindustrie ‘unter einer Decke’. Ich habe mir den Film angesehen und diese Aussage geht nirgendwo aus dem Film hervor. Vielmehr wird gezeigt, welche Macht die Fleischindustrie auf die Umweltschutzorganisationen ausübt, ohne dass sich diese aus Böswilligkeit anhängen oder fügen. Mehrere Beispiele zeigen wie hilflos sich Mitarbeiter der Organisationen angesichts der Erpressung der Fleischindustrie fühlen. Ein ‘unter einer Decke’ stecken wird dabei, finde ich, niemandem vorgeworfen.
    Ansonsten bedanke ich mich sehr für deine Stellungnahme! Zu der deutlichen Betonung, dass die Filmemacher bei der Wahrheit hötten bleiben sollen muss ich daran erinnern, wen wir eigentlich dazu auffordern sollten, bei der Wahrheit zu bleiben, nämlich die Fleischindustrie, die glückliche Tiergesichter auf ihre Produktverpackungen druckt – eine kleine von unzähligen größeren Lügen. Es ist nicht verhältnismäßig, nur die zu kritisieren, welche die Wahrheit ans Tageslicht bringen und dabei nicht sauber genug recherchiert haben und diejenigen aus dem Schneider zu lassen, die aus Machtgier ganze Riesenindustrien führen, deren gesamte Vermarktung auf Lügen basieren und die den Planeten zerstören.
    Klar geht es hier um eine neutrale Kritik des Films, aber ein Hinweis auf sie eigentlichen Verbrecher fände ich sehr wichtig und angebracht, da der Eindruck, den diese Kritik beim Leser erweckt, mal wieder der ist, dass wir das Schlechte in Schutz nehmen und die Kämpfer für Frieden und Freiheit anprangern müssen.
    Liebe Grüße, Michelle

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  3. A. C.

    In meinem bekannten und Freundeskreis war & ist keinerlei Bewusstsein dafür das Fleischkonsum einen immensen Einfluss hat auf das Klima. (auch wenn es vllt. nicht 51% ausmacht) Von daher haben die genannten NGO´s wohl einen guten Einfluss auf die gemeine Bevölkerung. Auch wenn Schweizer es anders machen, (Schweizer machen aber auch vieles anders und besser) so glaube ich doch das dieser Film die Leute dahingehen sensibilisieren kann weniger Fleisch zu essen & nicht jeden Unfug zu glauben der einem tag täglich präsentiert wird

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  4. Armin

    Also der Argumentation, daß ja das Wasser, das Kühe trinken, mit einberechnet würde, weil es ja wieder verdunsten und sich wieder als Regen ergießen würde kann ich echt nichts abgewinnen.. das würde ja auf jeglichen Wasserverbrauch zutreffen! Wenn ich dusche, fließt das Wasser auch über Kläranlagen über einen Fluß und schlußendlich ins Meer, wo es irgendwann verdunstet und wieder als Regen herabgeht. Sorry, aber das ist eine sehr fadenscheinige Argumentation.
    Und ich verstehe auch, aus logischer Sicht, nicht ganz, wieso die Wissenschaft das Methan für die nächsten 100 Jahre, statt für die nächsten 20 Jahre rechnet. Das klingt ja fast so, also wäre es nicht so wichtig, was in den nächsten 20 Jahren mit unserem Klima geschieht, sondern in einem Zeitraum, den wir sowieso nicht mehr erleben werden. Da finde ich die Berechnungsweise mit 20 Jahren eigentlich realistischer.
    Und wenn man bedenkt, daß das Methan nicht nur einmal ausgestossen wird, um sich dann die nächsten 100 Jahre auszuwirken, sondern beständig “produziert” wird, und ständig Einfluss auf unser Klima ausübt, wäre es doch sehr wichtig vor allem auch die kurzfristigeren Auswirkungen zu betrachten…

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    • Kai

      Lieber Armin, beim Konzept des “virtuellen Wasser-Rucksackes”, das vom Film benutzt wird, geht es um den Verschmutzungsgrad des Wassers bzw. ob Wasser unbrauchbar gemacht wird oder zumindest temporär unbrauchbar, wie z.B. durch chemische Verschmutzung mit einem Stoff, der 10’000 Jahre Abbauzeit hat. Somit unterscheidet sich der Gebrauch von Wasser z.B. in Bewässerung, Dusche oder Verwendung in einer Fabrik dann sehr. Hier mehr dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Virtuelles_Wasser

      Das mit den 100 Jahren erklärt zumindest warum Cowspiracy andere Zahlen hat, als der Rest der Klimawissenschaft. Ist natürlich Frage der Betrachungsweise. Methan baut sich eben auch schneller wieder ab.

      Merci für den Kommentar!

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  5. Anouk

    Michelle hat einen sehr guten Kommentar zu deinem Artikel geschrieben.
    Hört endlich auf, auf denjenigen rumzuhacken, die den Mut dazu haben, die wahren Verbrecher zu überführen.
    In der öffentlichen Diskussion wird die Fleischindustrie mit ihrem enormen impact aufs Klima viel zu sehr verschont. Ob 51% oder 31%, das ist ein unfassbar hoher Anteil! Deshalb MUSS dieses Thema lauter werden. Ich hoffe sehr, dass cowspiracy in jeder Schule gezeigt wird. Und wenn sich Greenpeace diskreditiert fühlt durch den Film, dann hättten sie ja nicht alle Anfragen auf ein Interview abblocken müssen.
    LG Anouk

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  6. Stefanie

    Finde auch das Michelle einen guten Kommentar verfasst hat. Die Fleischindustrie gaukelt ständig etwas vor. Wisst ihr das die meisten Kuhmilchkonsumenten glauben das die Kuh einfach so Milch gibt? Das sie nicht wie eine Frau ständig schwanger sein und gebären muss? Das männliche Kälber nutzlos sind genau so wie männliche Küken? Welch Lebenserwartung Milchkühe aus solchen Fabriken haben? Das sie teilweise nicht mal wirklich betäubt sind bevor sie geschlachtet werden? Es geht nicht nur um das Klima sondern auch das Tierleid! Jeder sollte mal eine arme Milchkuh und dessen Rind sehen wie es nach der Geburt getrennt wird damit MAN SELBST diese Milch trinkt anstatt das Kalb dem es zusteht. Wie männliche Küken geschreddert werden.. ich denke mind. Der halbe Erdball würde Vegan leben wenn man es selbst tun müsste.

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